Caroline Kryzecki

Mittwoch, 18. Okober 2017, 20:30 Uhr

Ort: Sexauer Gallery, Streustr. 90, 13086 Berlin



Abbildung: 
Caroline Kryzecki | Ausstellungsansicht COME OUT (TO SHOW THEM), Sexauer Gallery, Berlin | Foto: Marcus Schneider

Interview mit Jan-Phillipp Sexauer und Caroline Kryzecki

JPS: Caroline, Du bist bekannt für Deine Kugelschreiberzeichnungen, die häufig aus tausenden mit einem Lineal gezogenen Linien bestehen und bis zu 270 x 190 cm groß sind. Diesmal hast Du eine Bodenarbeit realisiert, 15 x 15 Meter. Warum?
CK: Für mich ist das eine riesige Zeichnung. Der graue Fußboden der Galerie, den man jetzt nicht mehr sieht, ist sonst sehr dominant. Er ist mit Abstand die größte Fläche in der Galerie, weit größer als die Wände. Mir ist die körperliche Erfahrung wichtig. Durch die Bodenarbeit verändert sich die gesamte Raumwahrnehmung. Die Wände, selbst die Decke, erscheinen rosa durch das Abstrahlen der roten Bodenfläche. Es ist anstrengend, sich dem auszusetzen, es kann einem schwindelig werden. Das Linienraster habe ich schräg in den Raum gesetzt, es bedeckt somit den Boden nicht komplett. Die Siebdrucke schon, aber eben nicht das Raster. Eine Referenz an die Papierarbeiten, die Zeichnung liegt quasi in der Halle. Die Halle ist quadratisch. Das unterlaufe ich, indem ich ein schräg verschobenes Hochformat suggeriere, was zu einer zusätzlichen Spannung führt.
JPS: Du hast die Arbeit aus über siebenhundert einzelnen Siebdrucken zusammengesetzt, ein sehr aufwändiges Verfahren. Warum Siebdruck?
CK: Meine Arbeiten sind immer handgemacht und damit analog. Auch wenn sie manchmal auf den ersten Blick aussehen wie maschinell hergestellt oder computergeneriert. Für die Bodenarbeit habe ich, anders als bei meinen Zeichnungen, mit rasterbasierten Modulen gearbeitet, die im Grunde wie eine Tapete funktionieren. Das bedeutet, dass die Struktur sehr regelmäßig konstruiert ist. Um dennoch die menschliche Ungenauigkeit, die meinen Zeichnungen zugrunde liegt, in die Bodenarbeit zu übersetzen, habe ich mich für Siebdruck entschieden. Siebdruck ist ein analoges Druckverfahren, jedes Blatt sieht ein bisschen anders aus. Auch die Vorlage für den Siebdruck ist mit Hand gezeichnet und konstruiert. Es gibt diese kleinen Fehler und Abweichungen, welche die Arbeit lebendig machen. Das gibt den Arbeiten etwas Humanes, etwas Nicht-Kontrollierbares. Ich bin davon überzeugt, dass der Betrachter das wahrnimmt, wenn auch unbewusst. Außerdem erfordert Siebdruck Kraft. Wie die großen Kugelschreiberzeichnungen ist der Siebdruck eine körperliche Herausforderung, besonders in der großen Anzahl der Drucke, aus der die Bodenarbeit besteht. So gleicht die Arbeit mehr einer individuellen Zeichnung als einem typischen Druck. Ein Original, das aus Reproduktionen entsteht.
JPS: Der Ausstellungstitel: Come out (to show them). Worauf beziehst Du Dich da?
CK: Das ist der Titel eines Stücks des Komponisten Steve Reich. Reich arbeitet dort mit mehreren Tonbandgeräten und der immer gleichen Wortsequenz „come out to show them“. Ein Zitat aus der Aussage eines Jungen, der Opfer von Polizeigewalt wurde. Das wird immer wiederholt. Durch die leicht unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Tonbandgeräte kommt es zu einem – fast könnte man sagen – hörbaren Flimmern. Wie auch bei den Zeichnungen und der Bodenarbeit. Auf mich wirkt dieses Verfahren von Reich, diese Phasenverschiebungen, also kleinste Abweichungen eines immer wiederkehrenden Gleichen, sehr vertraut. Auch interessiert mich, dass der Nucleus seiner Arbeit einen Bezug zur Wirklichkeit hat. Bei meiner Arbeit ist das allerdings nicht so direkt wie bei Reich. Meine Kugelschreiberzeichnungen sind von Fotografien angeregt, die ich von wiederkehrenden Strukturen aus der Alltagswelt gemacht habe. Übereinander gestapelte Bauteile, Fassaden, Zäune, Mauern.
JPS: Ist für Dich das Konzept wichtiger oder die Ausführung?
CK: Für mich ist auch die Ausführung wichtig. Anders als bei Sol LeWitt, dem ja die Idee wichtiger war. Obwohl ich sehr systematisch arbeite, steht für mich am Anfang eines Prozesses immer ein intuitiver Zugriff. Da bin ich näher an Steve Reich. Für mich ist die systematische Herangehensweise Werkzeug, aber nie Selbstzweck. Auch nachdem das Konzept oder System festgelegt ist, bleibt die Ausführung von Bedeutung und das Erleben des Betrachters, ähnlich wie in der Musik. Durch das repetitive Moment bekommt das Ganze eine zeitliche Dimension. Wiederholung ist ja nur „in der Zeit“ möglich. Dadurch, dass der Ausstellungsbesucher der Arbeit ununterbrochen ausgesetzt ist, wird das zeitliche Moment noch verstärkt. Er kann sich ihr nur entziehen, indem er den Galerieraum verlässt.
JPS: Was war für Dich das Faszinierendste bei dieser Arbeit?
CK: Da gab es viel. Spannend war aber sicher, dass ich bis zur endgültigen Fertigstellung der Arbeit nicht wissen konnte, wie sie am Ende aussehen wird. Und anders als bei nicht ortsspezifischen Arbeiten, hätte ich sie auch nicht einfach durch eine andere ersetzen können. Ich habe nur den einen Versuch. Das konnte ich vorher auch nicht simulieren. Wenn ich dann nach Fertigstellung der Arbeit zum ersten Mal durch die Halle laufe und es „funktioniert“, ist das natürlich großartig. Und natürlich passieren auch Dinge, die ich nicht vorhergesehen habe. Das ist das Wichtigste bei so einer Arbeit.

www.kryzecki.de