Philip Kojo Metz


Mittwoch, 31. Januar 2018, 20:30 Uhr

In der Ausstellung: Decad, Philip Kojo Metz, The Mimicry Games, Gneisenaustraße 52, 10961 Berlin





Philip Kojo Metz | The Mimicry Games: German Team 



Spielen mit dem Spiel



Kontinente, Nationen, Regionen und selbst kleinere Gemeinschaften, die sich über einen Clan oder einfach nur über die Familie als zusammengehörig verstehen, bilden jeweils Grenzen, über die sie sich definieren und entsprechend von Anderen unterscheiden. Daneben können auch anthropologisch bedingte Faktoren wie das Geschlecht, das Alter oder die Hautfarbe eine Rolle bei der jeweiligen Zuordnung spielen. Über Gesetzestexte bzw. - im sozialen Miteinander – über Traditionen und Rituale werden diese Grenzen jeweils gewahrt. Ihre wahrhafte Stärke, den Einzelnen in den jeweiligen Gemeinschaften zu binden und damit auch vor dem Verlust der Zugehörigkeit zu schützen, gewinnen die Gruppierungen jedoch nur, wie es erstmals in dieser Deutlichkeit der Berliner Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme in seinem mit dem Meyer-Struckmann ausgezeichneten Buch Fetischismus und Kultur 2006 herausarbeitete, in dem der über die Traditionen und Rituale gepflegten Zusammengehörigkeit, eine herausragende Bedeutung zugeschrieben wird. Und so kommt es, dass auch ein so einfachen Ding wie ein Fußball bzw. dem Fußballspiel für das Verständnis der Nationen und damit für jedes einzelne Mitglied eine besondere Rolle übernehmen kann. Böhme bezeichnet diese einfachen Dinge, die diese Aufgabe übernehmen können, als Fetische. Welchem Ding letztlich Bedeutung zugeschrieben wird, spielt dabei keine Rolle. Das kann alles sein. Ihre Aufwertung zu einer identitätsstiftenden Bedeutung, die sie eigentlich nicht haben, erfolgt schließlich in „Gesten der Zuwendung“ wie Staunen, Neugierde, Aufmerksamkeit und ausdauerndes Verweilen. Der „Ort“ an dem das stattfindet, hier der Fußballplatz bzw. das Fußballspiel, kann so Böhme, entsprechend als „ein magisches Milieu“ und der Vorgang, mit dem die stummen Dinge Bedeutung gewinnen, als „Fetischisierung“ bezeichnet werden. D.h. erst wenn sich eine Gruppe gemeinsam einer Sache hingibt, kommt das Gefühl der Gemeinsamkeit bzw. Zugehörigkeit auf. Hier ist es der Fußball bzw. das Fußballspiel, das ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, der gemeinsamen Stärke und Möglichkeiten einer Stadt, einer Region oder einer Nation vermittelt und befördert. Insofern erlaubt die Fetischisierung, wie es Böhme formuliert „ein komplexes System der Ordnungserzeugung, der Handlungssteuerung, der symbolischen Sinnstiftung und der rituellen Integration von Gemeinschaften und Individuen“ zu erzeugen. So bergen die Dinge bzw. die Rituale und Traditionen, an die sie geknüpft sind, ein Verbrechen auf Sicherheit, Zugehörigkeit und damit Glück. Im Gegensatz zu den Traditionen und Ritualen selbst, sind damit die Werte, für die sie einstehen, kulturunabhängig. Daraus wird zugleich erkennbar, dass jedem Einzelnen in der Regel sehr viel daran liegen muss, diese über die Traditionen und Rituale und den Dingen gezogenen Grenzen aufrecht zu erhalten, da sie eine, die eigenen Existenz betreffende Bedeutung haben. Sein ganzes Wirken und Tun zielt daher darauf hin, die mit den Dingen zusammenhängenden Rituale und Traditionen zu wahren. Das kann sogar soweit gehen, dass die jeweiligen mit ihnen gebildeten Grenzen „bis aufs Messer“ verteidigt werden. Denn jedes infrage stellen der Grenze bedeutet womöglich, dass deren Macht und Wirksamkeit aufgehoben und damit deren Versprechen auf Schutz und Glück verloren gehen könnte.



... oder, wie wir Grenzen überwinden können.



In dieser besonderen Situation ist es die Kunst, so sieht es auch Böhme, die über ihren spielerischen Umgang mit den Grenzen, als Motor angesehen werden kann, die Grenzen zu überwinden, ohne Angst und Schrecken zu verbreiten. Spielerisch ergreift sie die Dinge, wie eben Philip Metz den Fußball, und so verlegt er in seinem Projekt Mimicry Games den Ort, an dem die UEFA European Championship 2016 ausgetragen werden von Europa nach Afrika, er ersetzt die weißen Spieler durch schwarze und zieht ihnen Trikots der Europäischen Mannschaften über, die sie eigentlich gar nicht tragen dürfen. Doch das Spiel bleibt das gleiche. Einzelne Nationen, deutsche und französische oder englische Mannschaften, spielen gegeneinander. Die Funktion des Spiels als magisches Milieu Bedeutung zu stiften, löst sich nicht auf, nur die Bedeutungen sind nicht mehr diejenigen, die erwartet werden. Oder etwa doch? Sind nicht die schwarzen Spieler aus Afrika aufgrund ihrer von den europäischen Nationen geprägten kolonialen Vergangenheit doch auch Deutsche, Engländer und Franzosen? Ganz allgemein stellt sich hieran die Frage, ist Afrika nicht viel enger an Europa gebunden als angenommen? Bemerkenswerterweise erweist sich die implizit unterstellte Annahme in der letzten Frage auch dann als gültig, wenn die afrikanischen Staaten unter eigener Flagge teilnehmen würden, da die Mitgliedschaft in der UEFA erstaunlicherweise nicht von territorialen Aspekten, sondern vom politischen Willen abhängt. Die Beteiligungen Russlands, der Türkei oder Israels sprechen davon. Bedrängt durch die von der Kolonialzeit geprägte historische Vergangenheit sowie durch das neue Selbstverständnis Europas, wie es die UEFA repräsentiert, veranlassen die MIMICRY GAMES damit zu Fragen, die sich von beiden Seiten der „Grenze“, von Europa und von Afrika aus beziehungsweise jedem Einzelnen gleichermaßen stellen: Wer bin ich? Wohin gehöre ich? Was macht mich und die Gemeinschaft, in der ich lebe, eigentlich aus? Mit dem künstlerischen Spiel, so zeigt sich, werden die Grenzen nicht aufgehoben, sondern (nur) spielerisch deren Setzungen hinterfragt. Auf dem Platz, im Sportstudio und in Public-Viewing- und Ausstellungskontexten werden diese und andere Fragen, wie es Philip Metz anregt, schließlich von den Fußballprofis und unter den Fachleuten aus Politik, Kultur, Kunst und Sport sowie dem Fernseh- und Ausstellungspublikum spielerisch hin- und herbewegt.



Mit dem Mimicry-Konzept bzw. der ästhetischen Aneignung des Fußballspiels fordert damit der Künstler die Bedeutung des Originals, hier des Fußballspiels als das identitätsstiftende Moment, heraus. So hilft dem Künstler sowohl die Prominenz als auch die, wie es sich herausstellte, sehr viel weniger eindeutig definierte Mitgliedschaft der Territorien zur European Championship, die gesellschaftlichen und kulturellen Alternativen der eigenen Identität spielerisch aufzuzeigen und zu diskutieren. Das medial und produktionstechnisch weit gefasste Konzept der Kunstpräsentation, wie sie die Mimicry Games von Philip Metz ausmachen, spiegelt und verhandelt derart auf seine Weise die globale Situation, in der mit den Migrationsprozessen nicht nur Menschen-, sondern auch Bilder- und Ideenströme des eigenen Selbstverständnisses in Bewegung geraten sind.



Dr. Martina Sauer



* Wie wichtig das Thema „Grenzen überwinden“ zur Zeit auch im wissenschaftlichen Kontext ist, zeigt sich etwa an dem jüngsten Forschungsprojekt in Bremen an der Hochschule für Künste „Kunsttopographien globaler Migration“ und an der Ringvorlesung diesen Herbst und Winter und der für 2017 angesetzten gleichnamigen Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Semiotik in Passau.


Mimicry Games




Backgrounds to the concept:
Playing with games



Continents, nations, religions as well as small groups, which belong together as clans or families, mark borders which define and distinguish them from others. Furthermore, there are anthropological aspects as gender, age, or race which play a role in the classification of people. By laws – or in social interactions - by traditions and rituals these borders are maintained. But the real power, as the Berlin cultural scientist Hartmut Böhme spotted at first in Fetischismus und Kultur 2006 for which he has won the Meyer-Struckmann prize, to retain these people in communities and in securing their belonging is given by attributing a special meaning to their shared identity which is defined by traditions and rituals. In this system even a simple thing as a football or a football match can take a special role to form the identity of nations as well as of their members. Böhme named these simple things, which may gain this function, fetishes. Which kind of thing gets importance does not matter. All kind of things are possible. They get their identity producing significance, which they do not have naturally, in gestures of devotion such as astonishment, curiosity, attention, and long-lasting stay. Böhme qualified the place where this will happen „a magical milieu“ and the process of forming meaning to silent things „fetish making“. Thus, only by the common devotion the participants are forming a feeling of conformity or rather that of identity. Here it is the football or the football match which enables and promotes the common sense of belonging to a community such as a city, a region or a nation by jumping the feeling of collective strength and possibilities. Hence, the fetish making allows as Böhme said to establish „a complex system of rules, of action control, of symbolic meaning, and the ritual integration of groups and individuals“. Therefore, the things or the rituals and traditions to whom they belong, may promise security, affiliation and luck. In contrast to the rituals and traditions themselves, the values they represent are non-cultural. So it gets obvious that it is natural for everyone to keep the borders intact which have been given by the rituals and traditions because they have an existential meaning for them. Thus, their whole doing and making has the goal to maintain the rituals and traditions which are belonging to the things. It even may go as far as defending the borders which have been set by themselves to the death, since each questioning of the borders can be taken as a lost of power and effect and thus can cancel their promise of security and luck.



… or how to overcome boundaries

In this special situation, it is the art, as well as Böhme is saying, which can be seen as a motor, that will overcome the boundaries by its playful ways without to spread fear and panic. It grabs the things playfully as likewise Philip Metz the football, so much that he will switch in his project Mimicry Games the location of the UEFA European Championship 2016 at another place than usual from Europe to Africa, he will exchange the white players against black and will hand them over T-shirts from European teams they are normally not allowed to wear. Yet, the game remains the same. The different nations, German and French or English teams, are playing against each other. The function of the game as a magical milieu to create meaning will not be dissolved, but the meaning will not be the same as expected. Is it right, or not? Are not the black soccer from Africa just as much Germans, Englishman and French people because of their past which is marked by the European colonisation? In general this raises the question, is Africa not much more linked to Europe than assumed? Looking at it more precisely, the underlying assumption in this last question stays valid too if the African nations would participate under their own flags, since the membership of the European Championship depends astonishingly not on territorial aspects but the political will, as the membership and thus the participation of Turkey, Russia or Israel illustrate. Provoked by the colonial history of Africa as well as by the new self perception of Europe as it is represented by the UEFA, the MIMICRY GAMES put forward questions which can be asked from both sides of the border from Europe´s and Africa´s and eventually by everyone who lives there: Who am I? To whom am I belonging? What is defining myself and the community I am living? By the artistic play it becomes obvious, the boundaries will not be overcome but their meaning can be questioned. At the football field, in the sport studio and in public viewing and exhibition spaces these and other questions will be moved playfully back and forth by the professional football players, the specialists of politics, culture, arts and sports and the television and exhibition audience worldwide.



By the Mimicry-concept or the aesthetic appropriation of football matches the artist challenges the meaning of the original, here the football match, as a dimension of forming identification. Therefore, the celebrity and as it turned out the far less clear defined conditions of membership of the territories to the European Championship, help the artist to show and discuss playfully the social and cultural alternatives of one´s own identity. By the broad medial and technical realization of the artistic presentation, the Mimicry Games of Philip Metz mirror and discuss in their own way the global situation, where with the processes of migration not only the flow of people but that of images and ideas of self estimation appears to be on the move.

Dr. Martina Sauer



* How important the topic „overcoming boundaries“  is at the moment, can be seen as well in the scientific context, as illustrates the recent research project at the University of the Arts in Bremen „artistry topography of global migration“ and the scheduled lecture series this autumn and winter and a conference with the same name by the German Society of Semiotics 2017 in Passau.


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This next exhibition will serve as a retrospective on the first chapter of Metz's ongoing work, The Mimicry Games, which offers a postcolonial critique of the culture surrounding football in Africa and in Europe, manifesting in the forms of football match and panel discussion.

Over the course of Philip Kojo Metz's exhibition in Decad’s storefront gallery space, a body of new works will be produced within Decad's public programme, both in the Hinterhaus lecture space as well as a community football field in Berlin-Kreuzberg.

Diana Sirianni


Mittwoch, 13. Dezember 2017, 20:30 Uhr

Atelier: Ackerstr. 6/7, 10115 Berlin, 2. QG, 2.Stock





Diana Sirianni | Untitled posters and cardboard | urban intervention | Berlin | 2017


13th December
20:30 h

I was born in Rome, Italy in 1982. Before moving to Berlin ten years ago to study visual arts at the UdK (by Gregor Schneider), I´ve studied Philosophy in Rome.

My artistic practice crosses the fields of painting, sculpture, photography, architecture, video, relational art and investigates visual, spacial, psychological systems of reference and meaning. It has as a background a reflection on the medium and its structures.

In the last three years I shifted my focus onto the investigation of contextual social structures and started to reflect about the spaces where I´ve been exhibiting as a material conveying social information, which brought me to investigate the public space.

I am also interested in the relationship between body and space. I see space, even digital space, as an impermanent construction arising from the presence and movement of the body. I myself practice contemporary dance, yoga and I became in the last years a somatic coacher, an activity that complements financially and humanly my engagement as an artist.

Two years ago I´ve started an artistic collaboration with the dancer/choreographer Naama Ityel, realizing workshops about visual, space and body at the UdK “Collage as an Attitude” and “Contact-Lenses” at the museum ZKR (Zentrum für Kunst und öffentlichen Raum). In January 2018 they will facilitate another workshop at the University of Art in Berlin: “Empowerment workshop for artists* in the capitalist era”.

Text: Diana Sirianni 
 

Anne Gathmann

Mittwoch, 29. November 2017, 20:30 Uhr

Atelier: Bornholmer Str. 96, 10439 Berlin, 3. OG VH



Das Volumen der Folie (01) | Glasrohre, Buchenholz 5 x 146 cm  | Ortspezifische Installation | Sonntag   
 Berlin | 2014 




Ausgangspunkt meiner medienübergreifenden, ortsspezifischen Praxis ist die Auseinandersetzung mit Beschaffenheiten des Daseins. In Anordnungen aus Glas, Holz, Gips, Metall und Projektionen reflektiere ich Formen des Vorhandenseins im Spannungsfeld zum Nicht-Sichtbaren und Außersprachlichen. Mittels minimaler Eingriffe decken meine Arbeiten die Instabilität von Realitäten auf. 

Anne Gathmann 

www.annegathmann.com 

Franziska Hünig

Mittwoch, 8. November 2017, 20:30 Uhr

Atelier: Pankstr.12, 13127 Berlin





Franziska Hünig | Ausstellungsansicht: Thermen am Viehmarkt | Trier | Acryl auf Werbeplanen | 200x300x700cm |
2013 



Meine Arbeit bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Von mir gesteuerte Aktionen wechseln ab mit dem Zulassen der Eigendynamik des Materials. Dieses Thema verhandle ich sowohl beim Auftragen der Farbe als auch bei der Installation der Arbeiten im Raum. Der Arbeitsprozess ist immer ein Nachdenken über Malerei, bei dem ich eine Art „geplanten Zufall“ nutze.

Für meine raumgreifenden Installationen bemale ich die Rückseiten ausrangierter Werbeplanen in einem vorher festgelegten Farbspektrum. Der Farbauftrag variiert von sehr dünner, aquarellhaft fließender Farbe bis zu dichten, reliefartigen Farbsetzungen. Im Malprozess beziehe ich zufällige Strukturen ein, die zum Beispiel entstehen, wenn die Farbe fließt oder mit einer Rakel geschoben wird.

Wie der Farbauftrag folgt auch die Installation der Planen im Ausstellungsraum dem Prinzip der Wechselwirkung zwischen den Eigenschaften des Materials und meinem Eingreifen. Obwohl mein Ziel eine präzise Komposition ist, lasse ich im Arbeitsprozess Zufälle zu, die durch das Fallenlassen, Rollen oder Knüllen der Werbeplanen entstehen oder ich lasse das Material unmittelbar auf den Raum reagieren, indem ich die Planen über architektonische Elemente lege. Die mit Werbung bedruckten Vorderseiten der Werbeplanen beziehe ich in meine Installationen ein. Die gedruckten Bilder sind zufällig gefunden und fragmentarisch, da ich die Planen vor dem Malen zerschneide.

Das raumgreifende Format der Arbeiten ist mir wichtig, weil es die Möglichkeit bietet, den Betrachter emotional, physisch und sinnlich einzubeziehen. Die Malerei bewegt sich aus der Zwei- in die Dreidimensionalität und tritt zum Raum und zum Körper in Beziehung. Die Farbe soll bei der Bewegung durch den Raum gleichzeitig gesehen und physisch wahrgenommen werden.

In meinen Installationen interessiert mich eine Offenheit, die es der Malerei ermöglicht, in Dialog mit der Architektur und dem Betrachter zu treten. Ich greife unmittelbar in die vorgefundene Umgebung ein und reagiere auf die spezifische Beschaffenheit des Raumes. Ziel ist nicht ein endgültiger Bildzustand, sondern die Möglichkeit, beim Begehen der Installation ständig neue Beziehungen herzustellen. Der Betrachter befindet sich im Bild und das Bild verändert sich durch seine Bewegung im Raum.

Parallel zu den raumbezogenen Arbeiten entwickele ich Arbeiten auf Aluminium. Auch bei diesen Arbeiten ist die Balance zwischen den Eigenschaften des Materials und meinem Eingreifen wesentlich. Die bemalten Platten werden von mir gefaltet, geknautscht, gebogen. Dabei habe ich nicht die volle Kontrolle darüber, wie sich das Material verhält. Auch bei diesen Arbeiten wird die Form sowohl durch mich als auch durch das Material bestimmt, unkontrollierbare Aspekte fließen ein.

Franziska Hünig

www.franziskahuenig.net 

Caroline Kryzecki

Mittwoch, 18. Okober 2017, 20:30 Uhr

Ort: Sexauer Gallery, Streustr. 90, 13086 Berlin



Abbildung: 
Caroline Kryzecki | Ausstellungsansicht COME OUT (TO SHOW THEM), Sexauer Gallery, Berlin | Foto: Marcus Schneider

Interview mit Jan-Phillipp Sexauer und Caroline Kryzecki

JPS: Caroline, Du bist bekannt für Deine Kugelschreiberzeichnungen, die häufig aus tausenden mit einem Lineal gezogenen Linien bestehen und bis zu 270 x 190 cm groß sind. Diesmal hast Du eine Bodenarbeit realisiert, 15 x 15 Meter. Warum?
CK: Für mich ist das eine riesige Zeichnung. Der graue Fußboden der Galerie, den man jetzt nicht mehr sieht, ist sonst sehr dominant. Er ist mit Abstand die größte Fläche in der Galerie, weit größer als die Wände. Mir ist die körperliche Erfahrung wichtig. Durch die Bodenarbeit verändert sich die gesamte Raumwahrnehmung. Die Wände, selbst die Decke, erscheinen rosa durch das Abstrahlen der roten Bodenfläche. Es ist anstrengend, sich dem auszusetzen, es kann einem schwindelig werden. Das Linienraster habe ich schräg in den Raum gesetzt, es bedeckt somit den Boden nicht komplett. Die Siebdrucke schon, aber eben nicht das Raster. Eine Referenz an die Papierarbeiten, die Zeichnung liegt quasi in der Halle. Die Halle ist quadratisch. Das unterlaufe ich, indem ich ein schräg verschobenes Hochformat suggeriere, was zu einer zusätzlichen Spannung führt.
JPS: Du hast die Arbeit aus über siebenhundert einzelnen Siebdrucken zusammengesetzt, ein sehr aufwändiges Verfahren. Warum Siebdruck?
CK: Meine Arbeiten sind immer handgemacht und damit analog. Auch wenn sie manchmal auf den ersten Blick aussehen wie maschinell hergestellt oder computergeneriert. Für die Bodenarbeit habe ich, anders als bei meinen Zeichnungen, mit rasterbasierten Modulen gearbeitet, die im Grunde wie eine Tapete funktionieren. Das bedeutet, dass die Struktur sehr regelmäßig konstruiert ist. Um dennoch die menschliche Ungenauigkeit, die meinen Zeichnungen zugrunde liegt, in die Bodenarbeit zu übersetzen, habe ich mich für Siebdruck entschieden. Siebdruck ist ein analoges Druckverfahren, jedes Blatt sieht ein bisschen anders aus. Auch die Vorlage für den Siebdruck ist mit Hand gezeichnet und konstruiert. Es gibt diese kleinen Fehler und Abweichungen, welche die Arbeit lebendig machen. Das gibt den Arbeiten etwas Humanes, etwas Nicht-Kontrollierbares. Ich bin davon überzeugt, dass der Betrachter das wahrnimmt, wenn auch unbewusst. Außerdem erfordert Siebdruck Kraft. Wie die großen Kugelschreiberzeichnungen ist der Siebdruck eine körperliche Herausforderung, besonders in der großen Anzahl der Drucke, aus der die Bodenarbeit besteht. So gleicht die Arbeit mehr einer individuellen Zeichnung als einem typischen Druck. Ein Original, das aus Reproduktionen entsteht.
JPS: Der Ausstellungstitel: Come out (to show them). Worauf beziehst Du Dich da?
CK: Das ist der Titel eines Stücks des Komponisten Steve Reich. Reich arbeitet dort mit mehreren Tonbandgeräten und der immer gleichen Wortsequenz „come out to show them“. Ein Zitat aus der Aussage eines Jungen, der Opfer von Polizeigewalt wurde. Das wird immer wiederholt. Durch die leicht unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Tonbandgeräte kommt es zu einem – fast könnte man sagen – hörbaren Flimmern. Wie auch bei den Zeichnungen und der Bodenarbeit. Auf mich wirkt dieses Verfahren von Reich, diese Phasenverschiebungen, also kleinste Abweichungen eines immer wiederkehrenden Gleichen, sehr vertraut. Auch interessiert mich, dass der Nucleus seiner Arbeit einen Bezug zur Wirklichkeit hat. Bei meiner Arbeit ist das allerdings nicht so direkt wie bei Reich. Meine Kugelschreiberzeichnungen sind von Fotografien angeregt, die ich von wiederkehrenden Strukturen aus der Alltagswelt gemacht habe. Übereinander gestapelte Bauteile, Fassaden, Zäune, Mauern.
JPS: Ist für Dich das Konzept wichtiger oder die Ausführung?
CK: Für mich ist auch die Ausführung wichtig. Anders als bei Sol LeWitt, dem ja die Idee wichtiger war. Obwohl ich sehr systematisch arbeite, steht für mich am Anfang eines Prozesses immer ein intuitiver Zugriff. Da bin ich näher an Steve Reich. Für mich ist die systematische Herangehensweise Werkzeug, aber nie Selbstzweck. Auch nachdem das Konzept oder System festgelegt ist, bleibt die Ausführung von Bedeutung und das Erleben des Betrachters, ähnlich wie in der Musik. Durch das repetitive Moment bekommt das Ganze eine zeitliche Dimension. Wiederholung ist ja nur „in der Zeit“ möglich. Dadurch, dass der Ausstellungsbesucher der Arbeit ununterbrochen ausgesetzt ist, wird das zeitliche Moment noch verstärkt. Er kann sich ihr nur entziehen, indem er den Galerieraum verlässt.
JPS: Was war für Dich das Faszinierendste bei dieser Arbeit?
CK: Da gab es viel. Spannend war aber sicher, dass ich bis zur endgültigen Fertigstellung der Arbeit nicht wissen konnte, wie sie am Ende aussehen wird. Und anders als bei nicht ortsspezifischen Arbeiten, hätte ich sie auch nicht einfach durch eine andere ersetzen können. Ich habe nur den einen Versuch. Das konnte ich vorher auch nicht simulieren. Wenn ich dann nach Fertigstellung der Arbeit zum ersten Mal durch die Halle laufe und es „funktioniert“, ist das natürlich großartig. Und natürlich passieren auch Dinge, die ich nicht vorhergesehen habe. Das ist das Wichtigste bei so einer Arbeit.

www.kryzecki.de 

Jan Klopfleisch


Jan Klopfleisch
Mittwoch, 27. September 2017, 20:30 Uhr
Pankstr. 12, 13127 Berlin (S-Bahn Blankenburg)


sl,  2017, tusche, papier, 32x25cm

sl
harmonograph / erfinder? prof. hugh blackburn, mathematiker, glasgow, 1844 / viktorianischer unterhaltungsapperat, soirees / zeichenmaschine mit 2 pendeln, die verbunden sind und einen stift steuern / frequenzverhältnisse veränderbar / harmonische figuren - chaotische figuren / harmonische figuren: prime 1:1, oktave 2:1, quinte 3:2, quarte 4:3... / lissajous figuren / abbildung von harmonien, schwingungen, zeit / ton um das tausendfache verlangsamt / 2 pendel mit gleicher frequenz - einfache prime = spirale / ungleichgewicht - gleichgewicht - energieausgleich / vorher- jetzt- danach / überlagerung der zeichnungen -  interferenzen / mechanischer ablauf - intuitiver eingriff / störungen / verdichten

Text: Jan Klopfleisch


Sinta Werner

Mittwoch, 12. April, 20:30 Uhr

Kamekestr. 11, 13409 Berlin

 


Die optische Abkürzung
Dachlatten, Sperrholz, Furnier, LED-Streifen, Plexiglas, Farbe
Ausstellungsansicht:
'Die optische Abkürzung',
o.T./Raum für aktuelle Kunst,
Luzern (CH), 2013


In meinen Installationen wird der vorgefundene Raum an sich zum Ausstellungsgegenstand. Anhand von Spiegelungen, Verdoppelungen und Verschiebungen architektonischer Elemente werden die festen Koordinaten des Gebäudes aufgelöst; der Raum erscheint gespalten und fragmentiert. Meine Arbeit befindet sich an der Schnittstelle zwischen Zwei- und Dreidimensionalität, zwischen Bild, Skulptur und Architektur. 


So wird z.B. durch den Einsatz eines imaginären Spiegels, durch das in den Raum übertragene Prinzip der Collage oder durch bühnenbildartige, perspektivisch verkürzte Einbauten der Eindruck von Flächigkeit im Raum erzeugt. Dem Betrachter wird ein zunächst in sich stimmiges Bildgefüge vorgeführt, welches beim Verlassen des Betrachterstandpunktes in sich zusammenfällt. 



Text: Sinta Werner