Fides Becker

Mittwoch, 16. Mai 2018, 20:30 Uhr


Studio: Stieffring 7, 13627 Berlin, 2. Stock rechts.

BVG: Bus 123 ab Beusselstraße & Jakob-Kaiser-Platz, Station "Stieffring"



Fides Becker |  Fensterladenringe | Acryl und Eitempera auf Leinwand | 28 x 35 cm | 2017 |



Kern meiner Auseinandersetzungen ist in allen Werkserien, die Identität als Wechselwirkung zwischen dem Eigenen und den Einflüssen von außen. Damit knüpfe ich an Ikonografien der westlichen Bildkultur an und beteilige mich an aktuellen soziokulturellen Diskursen. Mit meiner künstlerischen Arbeit mache ich intrapsychische Vorgänge in der Reflexion gesellschaftlicher Prozesse sichtbar und veranschauliche die unauflösbare Wechselwirkung. In der fragmentarischen Arbeitsweise der Gleichzeitigkeit stelle ich verschiedenen medialen Bilderwelten authentische Unikate gegenüber, wofür ich kontinuierlich neue malerische Strategien entwickle. Dabei transportiere ich die traditionellen Techniken der Fresko- und der Schichtenmalerei in eine zeitgemäße Methode. Das Handwerkliche stellt eine Verbindung zum Ursprünglichen her.

Derzeit beschäftige ich mich mit gesellschaftlich konnotierten Gegenständen, Räumen und Landschaften und mit der Durchdringung von Zeit und Raum, wie es die Werkgruppen „Mitternachtsblau“[1], „Die Belle Étage“[2] und „Vermächtnisse“[3] sowie auch die raumbezogenen Wandmalereien zum Ausdruck bringen – u.a. „Der Spiegelsaal“[4] im Nassauischen Kunstverein in Wiesbaden und in der Kunsthalle Mainz, „Der Blick auf zwei Monde“[5] im Arp Museum Bahnhof Rolandseck sowie die „Landpartie“[6] im denkmalgeschützten Jagd- und Lustschlösschen der Grafschaft Faber zu Castell „Appelhof“ und zuletzt „Transit“[7] in einer Kutschendurchfahrt im vormals jüdischen Viertel Berlin-Mitte.[8]  

Bei der empirischen kulturanthropologischen Erforschung gesellschaftlich konnotierter Gegenstände, Räume und Landschaften interessieren mich die Spuren vergangener Epochen, die für mich etwas Geheimnisvolles haben, eine morbide Romantik. Menschen sind auf meinen Bildern nicht sichtbar, aber die Gegenstände und Räume vibrieren scheinbar noch von ihrer Anwesenheit. Dabei reflektiere ich, dass die Dinge unabhängig von ihrer Funktion eine Bedeutung für uns haben und dass sie manchmal auch fetischisiert werden. Die einzelnen Motive löse ich aus ihrem natürlichen Zusammenhang heraus und füge sie in einen anderen, körperhaft illusionistischen, Raumzusammenhang ein. Zusätzlich lade ich sie psychologisch mit menschlichen Gefühlen auf wie Sehnsucht, Begehren, Leidenschaft sowie Lust und Angst. Dadurch erhalten sie etwas Organisches, Wesenhaftes, eine individuelle Geschichte und manchmal auch eine ambivalente Bedeutung. Durch die Erotisierung löse ich die Grenze zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen auf und mache Intimes sichtbar. Indem ich eine Verbindung der Gegenstände mit subjektiven Empfindungen herstelle, greife ich sie gleichzeitig aus dem kollektiven Bewusstsein heraus und gebe ihnen eine neue eigen-ständige Identität.[9]

Text: Fides Becker, 2018


www.fides-becker.de






[1] http://www.fides-becker.de/midnightblue/overview.php
[7] http://www.fides-becker.de/transit/overview.php
[8] In meiner vorliegenden Dokumentation habe ich mich für die älteren Beispiele „Der Blick auf zwei Monde“ und „Spiegelsaal“  entschieden, weil sie mein Anliegen der raumgreifenden ortspezifischen Malerei durch das Wechselspiel des Ortes mit dem illusionistischen Motiven stärker zum Ausdruck bringen, wie die jüngeren Wandmalereien, bei denen mich kuratorische und denkmalschutzpflichtige Vorgaben bei der Ausführung hand-werklich und inhaltlich eingeschränkt haben.
[9] Abb. 1-7

Jaro Straub

Mittwoch, 25. April 2018, 20:00 Uhr


Adresse: SCHARAUN, Jungfernheideweg 4, 13629 Berlin.




Scharaun | Jaro Straub | 2017

Den Ausstellungsraum SCHARAUN in Berlin-Siemensstadt gibt es seit Dezember 2017. Inhaltlich bewegt er sich im Spannungsfeld von Architektur, Kunst und Zeitgeschichte.

Ich setze mich in meiner künstlerischen Arbeit intensiv mit diesem Thema auseinander und wechsele auch immer wieder gerne die Seiten mit eigenen kuratorischen Projekten. 

Vorgängermodell von SCHARAUN waren Ausstellungen in meiner Wohnung im Bezirk
Wedding gegenüber dem heutigen Kunstquartier Silent Green in der Gerichtstrasse 52a.

SCHARAUN liegt in einer Wohnung in einer der Siedlungen der Berliner Moderne aus den 1930er Jahren über der ehemaligen Wohnung Hans Scharouns, dem Architekten des Gebäudes. Dieser Ausgangspunkt ist programmatisch für den Ausstellungsraum da an diesem Ort wichtige Linien der Auseinandersetzung mit moderner Architektur sowie aktuellen Debatten über den Verlust von Identität an Orten wie Siemensstadt, der kurz vor dem Abzug der letzten Siemens Produktionsstätten steht, zusammenlaufen.

www.scharaun.de                         

Text: Jaro Straub

Johanna Jaeger

Mittwoch, 18. April 2018, 20:00 Uhr


Adresse: SCHWARZ CONTEMPORARY, Sanderstraße 28, 12047 Berlin.



Johanna Jaeger |  horizontal questions, circular replies | auf die Wand kaschierter Blueback Print | 438 x 100 x 180 cm | 2016



In meiner Arbeit geht es mir um einen experimentellen Umgang mit bestehenden Wahrnehmungsmustern und um das Aufbrechen damit verbundener Erwartungshaltungen. Dimensionalität, Raumverständnis, Logik und Zeit sind zentrale Punkte meiner Auseinandersetzung.
Komponenten der Fotografie wie die technische Ausrüstung, Licht oder Fotoentwicklungsprozesse werden zu Protagonisten, vermeintlich Unspektakuläres wird mit besonderer Akribie betrachtet, Prinzipien und Regeln bewusst entgegen ihrer Bestimmung angewendet. Räumliches so abgebildet, dass Hinweise auf die ursprüngliche Dimensionalität verloren gehen. 
Mit Foto-Objekt-Kombinationen und installativen Präsentationen lenke ich die Blicke des Betrachters auch räumlich. Ich zeige Bilder im Raum, von vorne und von hinten, balancierend, auf dem Boden liegend, lehnend, oder auf Raumelemente aufgezogen. 

Text: Johanna Jaeger, 2018

Schirin Kretschmann

Mittwoch, 11. April 2018, 20:00 Uhr



Studio in den Gerichtshöfen, Hof 5 Aufgang 7, 4. OG

Gerichtstrasse 12-13 oder Wiesenstrasse 62, 13347 Berlin




Schirin Kretschmann | Physical | Intervention, Pigment, Gips, Acrylglaselemente | Maße variabel |  
| Kunstverein Hannover | 2017



In ihren raumbezogenen, malerisch-installativen Arbeiten zielt Schirin Kretschmann auf die Schaffung offener Strukturen, welche den Betrachter zum Handeln herausfordern. Die oft improvisiert und nur temporär stabil wirkende Materialität der Arbeiten eröffnet einen Erfahrungsraum, der den Betrachter in ein Spiel multipler, auch synästhetischer Wahrnehmungen involviert, die das eingeübte Erfassen von Räumen durchkreuzen. Der spezifische Einsatz von Farbe dient der Überlagerung, Auflösung oder Herstellung von Strukturen und verschränkt Alltags- und Ausstellungsräume. Hierbei verstehen sich Kretschmanns Arbeiten insbesondere als archäologische Strategien, um die elementaren Erfahrungen von Material und Dauer, die in unserer Alltagswelt vielfach von technischen und virtuellen Ersatzhandlungen überlagert werden, wieder freizulegen.



 

Benedikt Terwiel

Mittwoch, 21. März 2018, 20:00 Uhr

Adresse Studio: Hasenheide 9, 2.HH.- Aufg.1- 1.OG, 10967 Berlin





Meine Arbeit ist maßgeblich von den Eindrücken aus meinen mehrwöchigen Wanderungen geprägt, die ich in den vergangenen Jahren durch Europa unternahm, um Fragen zur Repräsentation der (Stadt-) Landschaft im Bild, ihrer Geschichtlichkeit sowie den Methoden ihrer technischen und kulturgeschichtlichen Aneignung nachzugehen.
Die Konzeption und Darstellungsweise von Karten, die – obwohl stark abstrahiert und standardisiert – immer auch die konkrete Sicht ihres Autors wiedergeben und so direkt oder indirekt bestimmte politische und kulturelle Absichten befördern, während sie zugleich in ihrer Funktion als Werkzeug in fast jedem Aspekt heutigen Lebens präsent sind, wurden ein zentraler Gegenstand meiner künstlerischen Arbeit und haben mein Verständnis von Bildern seitdem nachhaltig geprägt.



Für „Teeverpackung 2009“ beispielsweise nutzte ich Methoden der Landvermessung, um die Miniaturtopographie einer zerknitterten Teebeutelverpackung im Atelier rasterförmig zu vermessen, und sie dann in die von den Landvermessern bestimmte topographische Oberfläche Berlins einzufügen, so dass von jedem kartographierten Punkt weltweit ein geographischer Bezug auf meinen Tisch und die Oberfläche der Verpackung hergestellt werden kann. Oder die Arbeit „Annis Imbiss“, bei der ich, quasi als negative Kartierung, über Jahre das langsame Verschwinden des Grundrisses einer Berliner Imbissbude aus dem Straßenpflaster dokumentiere, dessen Spuren schrittweise durch wiederholte bauliche Veränderungen der unmittelbaren Umgebung getilgt werden.



Speziell in den letzten Jahren entwickelte sich außerdem eine Serie von Arbeiten, bei denen ich Oberflächen meiner Umgebung - von Räumen, Möbelstücken oder gefundenen Objekten wie Zeitschriften oder anderen Ephemera - mittels Pigment und Klebeband auf Papier übertrage, um die Choreographien unserer alltäglichen Interaktionen mit dieser Umgebung aufzuzeichnen, und so ein spezifisches und komplexes Feld von Spuren und Handhabungen sichtbar zu machen, das wie ein archäologisches Dokument gelesen werden kann.

Text: Benedikt Terwiel

Nicola Stäglich


Mittwoch, 7. März 2018, 20:00 Uhr


Feldbusch Wiesner Rudolph Galerie Berlin,
Jägerstrasse 5, 10117 Berlin




Nicola Stäglich | under the ivy | Öl, Acryl hinter Acrylglas, Holz | 195 x 145 x 10 cm | 2018


SELBSTBILDNIS IN FARBE
NICOLA STAEGLICH

"Meine  Malerei befindet sich schwebend im Raum"

Welche Bedeutung hat der ephemere Charakter des Lichts für Dich? Und welche besonderen Ausdrucksmöglichkeiten empfindest Du in Deiner Malerei hinsichtlich der Wirkungen von Licht und translucenter Farbe?

Das Malen auf dem transparenten Träger des Acrylglases bietet mir die höchste Farbleuchtkraft und stärkste Farbkonstraste, so als wenn meine Klaviatur über ungeahnte Oktaven verfügen würde. Diese Brillanz gibt es sonst nur noch in der Glasmalerei. Bei den "Transparencies" befindet sich die Farbe hinter der lichtdurchlässigen und spiegelnden Scheibe im Abstand zur Wand. Das Licht trifft auf die Oberfläche und reflektiert die Farbe der Malerei in Richtung des Betrachters und projiziert sie je nach Transparenz und Dichte farbig oder grau vom Betrachter weg auf die Wand oder auf eine zweite Trägerplatte. Die Malerei befindet sich also real schwebend im Raum. Die Projektion der Farbe sowie weitere gemalte Farbsetzungen z.B. auf der Trägerplatte oder an den Rändern des Acrylglaskörpers führen zu einer komplexen raumzeitlichen Farbwahrnehmung. Der Bildraum ist ein entgrenzter Lichtraum. Die besondere Leuchtkraft der Farbe ist nicht einfach im Sinne von "Farbsättigung" zu verstehen. Der Pinselduktus, aber auch das Zerfließen von Farbe, wird durchleuchtet und bekommt damit eine besondere Präsenz und einen besonderen Ausdruck. Hier geht es nicht um Technik sondern um Emotionalität. Ich habe immer wieder die Glasfenster von Henri Matisse in der Chapelle du Rosaire in Vence besucht. Die Leuchtkraft der Farben und das Lösen der Farben von ihrem Träger in Form von farbigen Schatten im Raum haben mich sehr berührt. Mich treibt die Sehnsucht um, Farbe zum Schweben zu bringen, weil sie dadurch immateriell und der Raum unendlich wird.

Wie ist der Unterschied zu anderen Bildträgern wie Papier, Holz oder Leinwand?

Der Bildaufbau beim Malen auf Papier, Holz oder Leinwand ist dem Arbeiten auf dem transparenten Acrylglas-Träger genau entgegengesetzt. Die Farbe saugt sich in den weiß grundierten Untergrund und bleibt für den Betrachter anfaßbar. Ich kann die Farbe stärker fließen lassen und arbeite z.B. mit Prozessen der Autopoiesis.
Die Grundkomposition und der Farbauftrag in Deinen Arbeiten wirkt kontrolliert und überläßt zugleich der physischen wie visuellen Präsenz der Farbe stets den Vorrang.

Die Präsenz der Farbe lebt in meiner Arbeit von der stark physischen Einschreibung der Farbe durch die breiten Pinselsetzungen. Teilweise arbeite ich mit 80 cm breiten Pinsel. Dadurch entstehen klare Entscheidungen. Das Kontrollierbare und Planbare ist jedoch immer vom Kontrollverlust gebrochen.

Welche spezifische Bedeutung hat die Farbe für Deine Malerei als naturwissenschaftliches Phänomen?

Die Farbwahrnehmung gehört zur komplexesten Sinneswahrnehmung, die das Licht im Bewußtsein erzeugt. Wir können nur einen Bruchteil der Farben sehen; Wellenlängen im Bereich von ca 400 bis 750 Nanometer. Wenn man UV sieht wie die Biene es tut, lebt man in einer anderen Welt. Meine Malerei ist keine physikalische Versuchsanordnung, und doch hat die Idee des Ephemeren genau mit der Lichtwelle zu tun. 

Wie würdest Du den Transfer oder das Verhältnis in deiner Malerei von Bild und Wirklichkeit beschreiben?

Mich dem Sehprozess hinzugeben und Farbe, Licht und Schatten zu beobachten, ist für mich wie Essen und Trinken. Bildidee und Wirklichkeit sind für mich eng verwoben. Das Gedächtnis wurde von den Griechen mit einem Wachsblock verglichen, in den sich das Erlebte einprägt. Manchmal reichen ein Stück Himmel, ein Lichteinfall, der Körper oder Architektur für eine Idee. Ich bin bis zu meinem siebten Lebensjahr in Städten aufgewachsen, dann im Mittelgebirge. Seit dem Studium lebe ich wieder fast ausschließlich in Städten, vor allem in Berlin. Ich scanne die Beschaffenheit der Horizontlinie, die Luftschichten und Wolkenbildungen. Ich nehme diese Phänomene alltäglich wahr, suche sie auch speziell auf. Im letzten Sommer war ich auf der Wildspitze, um neue Seh- und Körpererfahrungen zu machen. Besondere Resonanz empfinde ich bei leeren und weiten Landschaften. Der einjährige Aufenthalt in Los Angeles mit den Reisen durch Arizona, Utah und New Mexico war prägend. Für mich ist das Bild ein Ort der Erfahrung.

Erzeugt der Fokus auf das Licht in deinen neuen Arbeiten auch ein anderes Konzept von Raum und Zeit?

Die Bilder sind interaktiv. Sie verändern sich im Tagesverlauf und mit der Bewegung des Betrachters vor der Arbeit. So kommt es zu einer künftigen Verschiebung der Wahrnehmung. Das raum-zeitliche Wahrnehmen ist in Veränderung begriffen. Die Spiegelung des Betrachters und seiner Umgebung wird Teil des Bildes. Die nichtlineare Durchdringung dieser verschiedenen Ebenen und die Irritation darüber, was zu Sehen ist, interessiert mich. Es ist ein fast halluzinierender Zustand.

Inwiefern spielen in Deiner bildnerischen Arbeit das malerische Denken als performative Handlung und als eine „Aufführung“ von Malerei für Dich eine Rolle?

Meine Bewegungen bilden sich auf dem transparenten und spiegelnden Träger ab. Das hat für mich erst einmal eine existentielle, keine theoretische Dimension. Zu Beginn sprühe ich meist Farbe und arbeite dann mit Pinseln in den feinen Farbnebel hinein. Kontinuitäten und Disruptionen sind voller Lust und Gewalt. 
Fragen von Jette Rudolph.



 

Philip Kojo Metz


Mittwoch, 31. Januar 2018, 20:30 Uhr

In der Ausstellung: Decad, Philip Kojo Metz, The Mimicry Games, Gneisenaustraße 52, 10961 Berlin





Philip Kojo Metz | The Mimicry Games: German Team 



Spielen mit dem Spiel



Kontinente, Nationen, Regionen und selbst kleinere Gemeinschaften, die sich über einen Clan oder einfach nur über die Familie als zusammengehörig verstehen, bilden jeweils Grenzen, über die sie sich definieren und entsprechend von Anderen unterscheiden. Daneben können auch anthropologisch bedingte Faktoren wie das Geschlecht, das Alter oder die Hautfarbe eine Rolle bei der jeweiligen Zuordnung spielen. Über Gesetzestexte bzw. - im sozialen Miteinander – über Traditionen und Rituale werden diese Grenzen jeweils gewahrt. Ihre wahrhafte Stärke, den Einzelnen in den jeweiligen Gemeinschaften zu binden und damit auch vor dem Verlust der Zugehörigkeit zu schützen, gewinnen die Gruppierungen jedoch nur, wie es erstmals in dieser Deutlichkeit der Berliner Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme in seinem mit dem Meyer-Struckmann ausgezeichneten Buch Fetischismus und Kultur 2006 herausarbeitete, in dem der über die Traditionen und Rituale gepflegten Zusammengehörigkeit, eine herausragende Bedeutung zugeschrieben wird. Und so kommt es, dass auch ein so einfachen Ding wie ein Fußball bzw. dem Fußballspiel für das Verständnis der Nationen und damit für jedes einzelne Mitglied eine besondere Rolle übernehmen kann. Böhme bezeichnet diese einfachen Dinge, die diese Aufgabe übernehmen können, als Fetische. Welchem Ding letztlich Bedeutung zugeschrieben wird, spielt dabei keine Rolle. Das kann alles sein. Ihre Aufwertung zu einer identitätsstiftenden Bedeutung, die sie eigentlich nicht haben, erfolgt schließlich in „Gesten der Zuwendung“ wie Staunen, Neugierde, Aufmerksamkeit und ausdauerndes Verweilen. Der „Ort“ an dem das stattfindet, hier der Fußballplatz bzw. das Fußballspiel, kann so Böhme, entsprechend als „ein magisches Milieu“ und der Vorgang, mit dem die stummen Dinge Bedeutung gewinnen, als „Fetischisierung“ bezeichnet werden. D.h. erst wenn sich eine Gruppe gemeinsam einer Sache hingibt, kommt das Gefühl der Gemeinsamkeit bzw. Zugehörigkeit auf. Hier ist es der Fußball bzw. das Fußballspiel, das ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, der gemeinsamen Stärke und Möglichkeiten einer Stadt, einer Region oder einer Nation vermittelt und befördert. Insofern erlaubt die Fetischisierung, wie es Böhme formuliert „ein komplexes System der Ordnungserzeugung, der Handlungssteuerung, der symbolischen Sinnstiftung und der rituellen Integration von Gemeinschaften und Individuen“ zu erzeugen. So bergen die Dinge bzw. die Rituale und Traditionen, an die sie geknüpft sind, ein Verbrechen auf Sicherheit, Zugehörigkeit und damit Glück. Im Gegensatz zu den Traditionen und Ritualen selbst, sind damit die Werte, für die sie einstehen, kulturunabhängig. Daraus wird zugleich erkennbar, dass jedem Einzelnen in der Regel sehr viel daran liegen muss, diese über die Traditionen und Rituale und den Dingen gezogenen Grenzen aufrecht zu erhalten, da sie eine, die eigenen Existenz betreffende Bedeutung haben. Sein ganzes Wirken und Tun zielt daher darauf hin, die mit den Dingen zusammenhängenden Rituale und Traditionen zu wahren. Das kann sogar soweit gehen, dass die jeweiligen mit ihnen gebildeten Grenzen „bis aufs Messer“ verteidigt werden. Denn jedes infrage stellen der Grenze bedeutet womöglich, dass deren Macht und Wirksamkeit aufgehoben und damit deren Versprechen auf Schutz und Glück verloren gehen könnte.



... oder, wie wir Grenzen überwinden können.



In dieser besonderen Situation ist es die Kunst, so sieht es auch Böhme, die über ihren spielerischen Umgang mit den Grenzen, als Motor angesehen werden kann, die Grenzen zu überwinden, ohne Angst und Schrecken zu verbreiten. Spielerisch ergreift sie die Dinge, wie eben Philip Metz den Fußball, und so verlegt er in seinem Projekt Mimicry Games den Ort, an dem die UEFA European Championship 2016 ausgetragen werden von Europa nach Afrika, er ersetzt die weißen Spieler durch schwarze und zieht ihnen Trikots der Europäischen Mannschaften über, die sie eigentlich gar nicht tragen dürfen. Doch das Spiel bleibt das gleiche. Einzelne Nationen, deutsche und französische oder englische Mannschaften, spielen gegeneinander. Die Funktion des Spiels als magisches Milieu Bedeutung zu stiften, löst sich nicht auf, nur die Bedeutungen sind nicht mehr diejenigen, die erwartet werden. Oder etwa doch? Sind nicht die schwarzen Spieler aus Afrika aufgrund ihrer von den europäischen Nationen geprägten kolonialen Vergangenheit doch auch Deutsche, Engländer und Franzosen? Ganz allgemein stellt sich hieran die Frage, ist Afrika nicht viel enger an Europa gebunden als angenommen? Bemerkenswerterweise erweist sich die implizit unterstellte Annahme in der letzten Frage auch dann als gültig, wenn die afrikanischen Staaten unter eigener Flagge teilnehmen würden, da die Mitgliedschaft in der UEFA erstaunlicherweise nicht von territorialen Aspekten, sondern vom politischen Willen abhängt. Die Beteiligungen Russlands, der Türkei oder Israels sprechen davon. Bedrängt durch die von der Kolonialzeit geprägte historische Vergangenheit sowie durch das neue Selbstverständnis Europas, wie es die UEFA repräsentiert, veranlassen die MIMICRY GAMES damit zu Fragen, die sich von beiden Seiten der „Grenze“, von Europa und von Afrika aus beziehungsweise jedem Einzelnen gleichermaßen stellen: Wer bin ich? Wohin gehöre ich? Was macht mich und die Gemeinschaft, in der ich lebe, eigentlich aus? Mit dem künstlerischen Spiel, so zeigt sich, werden die Grenzen nicht aufgehoben, sondern (nur) spielerisch deren Setzungen hinterfragt. Auf dem Platz, im Sportstudio und in Public-Viewing- und Ausstellungskontexten werden diese und andere Fragen, wie es Philip Metz anregt, schließlich von den Fußballprofis und unter den Fachleuten aus Politik, Kultur, Kunst und Sport sowie dem Fernseh- und Ausstellungspublikum spielerisch hin- und herbewegt.



Mit dem Mimicry-Konzept bzw. der ästhetischen Aneignung des Fußballspiels fordert damit der Künstler die Bedeutung des Originals, hier des Fußballspiels als das identitätsstiftende Moment, heraus. So hilft dem Künstler sowohl die Prominenz als auch die, wie es sich herausstellte, sehr viel weniger eindeutig definierte Mitgliedschaft der Territorien zur European Championship, die gesellschaftlichen und kulturellen Alternativen der eigenen Identität spielerisch aufzuzeigen und zu diskutieren. Das medial und produktionstechnisch weit gefasste Konzept der Kunstpräsentation, wie sie die Mimicry Games von Philip Metz ausmachen, spiegelt und verhandelt derart auf seine Weise die globale Situation, in der mit den Migrationsprozessen nicht nur Menschen-, sondern auch Bilder- und Ideenströme des eigenen Selbstverständnisses in Bewegung geraten sind.



Dr. Martina Sauer



* Wie wichtig das Thema „Grenzen überwinden“ zur Zeit auch im wissenschaftlichen Kontext ist, zeigt sich etwa an dem jüngsten Forschungsprojekt in Bremen an der Hochschule für Künste „Kunsttopographien globaler Migration“ und an der Ringvorlesung diesen Herbst und Winter und der für 2017 angesetzten gleichnamigen Konferenz der Deutschen Gesellschaft für Semiotik in Passau.


Mimicry Games




Backgrounds to the concept:
Playing with games



Continents, nations, religions as well as small groups, which belong together as clans or families, mark borders which define and distinguish them from others. Furthermore, there are anthropological aspects as gender, age, or race which play a role in the classification of people. By laws – or in social interactions - by traditions and rituals these borders are maintained. But the real power, as the Berlin cultural scientist Hartmut Böhme spotted at first in Fetischismus und Kultur 2006 for which he has won the Meyer-Struckmann prize, to retain these people in communities and in securing their belonging is given by attributing a special meaning to their shared identity which is defined by traditions and rituals. In this system even a simple thing as a football or a football match can take a special role to form the identity of nations as well as of their members. Böhme named these simple things, which may gain this function, fetishes. Which kind of thing gets importance does not matter. All kind of things are possible. They get their identity producing significance, which they do not have naturally, in gestures of devotion such as astonishment, curiosity, attention, and long-lasting stay. Böhme qualified the place where this will happen „a magical milieu“ and the process of forming meaning to silent things „fetish making“. Thus, only by the common devotion the participants are forming a feeling of conformity or rather that of identity. Here it is the football or the football match which enables and promotes the common sense of belonging to a community such as a city, a region or a nation by jumping the feeling of collective strength and possibilities. Hence, the fetish making allows as Böhme said to establish „a complex system of rules, of action control, of symbolic meaning, and the ritual integration of groups and individuals“. Therefore, the things or the rituals and traditions to whom they belong, may promise security, affiliation and luck. In contrast to the rituals and traditions themselves, the values they represent are non-cultural. So it gets obvious that it is natural for everyone to keep the borders intact which have been given by the rituals and traditions because they have an existential meaning for them. Thus, their whole doing and making has the goal to maintain the rituals and traditions which are belonging to the things. It even may go as far as defending the borders which have been set by themselves to the death, since each questioning of the borders can be taken as a lost of power and effect and thus can cancel their promise of security and luck.



… or how to overcome boundaries

In this special situation, it is the art, as well as Böhme is saying, which can be seen as a motor, that will overcome the boundaries by its playful ways without to spread fear and panic. It grabs the things playfully as likewise Philip Metz the football, so much that he will switch in his project Mimicry Games the location of the UEFA European Championship 2016 at another place than usual from Europe to Africa, he will exchange the white players against black and will hand them over T-shirts from European teams they are normally not allowed to wear. Yet, the game remains the same. The different nations, German and French or English teams, are playing against each other. The function of the game as a magical milieu to create meaning will not be dissolved, but the meaning will not be the same as expected. Is it right, or not? Are not the black soccer from Africa just as much Germans, Englishman and French people because of their past which is marked by the European colonisation? In general this raises the question, is Africa not much more linked to Europe than assumed? Looking at it more precisely, the underlying assumption in this last question stays valid too if the African nations would participate under their own flags, since the membership of the European Championship depends astonishingly not on territorial aspects but the political will, as the membership and thus the participation of Turkey, Russia or Israel illustrate. Provoked by the colonial history of Africa as well as by the new self perception of Europe as it is represented by the UEFA, the MIMICRY GAMES put forward questions which can be asked from both sides of the border from Europe´s and Africa´s and eventually by everyone who lives there: Who am I? To whom am I belonging? What is defining myself and the community I am living? By the artistic play it becomes obvious, the boundaries will not be overcome but their meaning can be questioned. At the football field, in the sport studio and in public viewing and exhibition spaces these and other questions will be moved playfully back and forth by the professional football players, the specialists of politics, culture, arts and sports and the television and exhibition audience worldwide.



By the Mimicry-concept or the aesthetic appropriation of football matches the artist challenges the meaning of the original, here the football match, as a dimension of forming identification. Therefore, the celebrity and as it turned out the far less clear defined conditions of membership of the territories to the European Championship, help the artist to show and discuss playfully the social and cultural alternatives of one´s own identity. By the broad medial and technical realization of the artistic presentation, the Mimicry Games of Philip Metz mirror and discuss in their own way the global situation, where with the processes of migration not only the flow of people but that of images and ideas of self estimation appears to be on the move.

Dr. Martina Sauer



* How important the topic „overcoming boundaries“  is at the moment, can be seen as well in the scientific context, as illustrates the recent research project at the University of the Arts in Bremen „artistry topography of global migration“ and the scheduled lecture series this autumn and winter and a conference with the same name by the German Society of Semiotics 2017 in Passau.


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This next exhibition will serve as a retrospective on the first chapter of Metz's ongoing work, The Mimicry Games, which offers a postcolonial critique of the culture surrounding football in Africa and in Europe, manifesting in the forms of football match and panel discussion.

Over the course of Philip Kojo Metz's exhibition in Decad’s storefront gallery space, a body of new works will be produced within Decad's public programme, both in the Hinterhaus lecture space as well as a community football field in Berlin-Kreuzberg.